Donnerstag, 16. März 2017

Vor 75 Jahren


erschüterte ein tragisches Ereignis die Familie meiner Mutter.

1942 war der Zweite Weltkrieg im vollen Gange. Hier in den Dörfern des Siegtals war der Krieg zwar bemerkbar, aber noch "weit weg". Meine Mutter hat jedoch zeitlebens erzählt, wie am Himmel die "Schirmchen" und "Christbäume" (landläufige Namen für die Markierungen der Bombenabwürfe) gesetzt wurden. 
Bereits im Juni 1940 fielen die ersten Bomben auf Köln.  
Abends, am Himmel in Richtung Westen nach Köln, Luftlinie etwa 60 km entfernt. ... 
Welche Ängste und Sorgen mussten die Eltern geplagt haben? Immerhin wohnte die älteste Tochter Wilhelmine verheiratet in Köln. Zwei Söhne an der Front und zwei Töchter lebten zuhause. 
Wilhelmine war nach der Hochzeit im Jahr 1939 nach Köln-Longerich gezogen. Ihr Ehemann Friedrich, "Fritz", war bei der Bahn beschäftigt. Sie wohnten in unmittelbarer Nähe der Dionysius-Kirche. 



Wilhelmine und Fritz

Eine kleine Exkursion zum  Kölner Stadtteil Longerich

Vom Bauerndorf zum Kölner Stadtteil ist Longerich seit mindestens 3000 Jahren besiedelt.
Aus römischer Zeit datieren die Fundamente eines Bauernhofes nördlich von Longerich, eine Weihestätte des Jupiters und Gräber an der Neusser Landstraße. Damals hieß Longerich vermutlich Lunriacum. In einer Urkunde vom 11. August 922 findet die Ansiedlung erstmalige Erwähnung. Erzbischöfliche Schenkungsurkunden über Ländereien und Höfe aus den Jahren 927 und 1080 nennen die Ortsbezeichnung Lunrike. Später werden die Namen Londorff, Londerich, Lungenrath und schließlich Longerich verwendet. Heute noch spricht der Volksmund von Lunke, was sich von dem mehr als tausendjährigen Namen Lunrike herleitet. Viele Jahrhunderte lang ist Longerich ein Bauerndorf nordwestlich von Köln. Daran erinnern noch heute einige Straßennamen wie „Am Balsamhof“, „Im Lindweiler Feld“ oder „An der Ling“ (Linde). Zeugen dieser Zeit sind auch noch vereinzelte kleine Landarbeiter- und Tagelöhnerhäuser sowie Reste alter Höfe. Bevor Longerich vom Dorf zum Kölner Stadtteil wurde, gehörte es ab 1794 zu Frankreich, wird 1802 im Zuge der Säkularisation unter Napoleon in eine selbständige Bürgermeisterei umgewandelt und geht dann als solche 1815 an Preußen. 1888 schließlich wird Longerich nach Köln eingemeindet.Wenn man sein Interesse auf Longerich richtet, ist vorab zu wissen, dass dieser Kölner Stadtteil aus zwei sehr unterschiedlichen Bereichen besteht: das kleinere Alt-Longerich mit seinem Flair von Dörflichkeit und die erst 1969 zugeordnete, wesentlich größere Gartenstadt Nord mit ihrem ausgeprägten, grünen Wohncharakter. Heute ist Longerich ein beliebter, weitgehend von Einfamilienhaus-Siedlungen geprägter und von Grünanlagen durchzogener Stadtteil, in dem rund 15.000 Menschen leben.
                                                               Quelle: Stadt Köln: "Rundgang mit Tiefgang" - Auszug



Zu diesem Zeitpunkt ahnte man noch nicht, welche verheerende Wendung der Krieg nehmen würde.  Niemand konnte sich zu dieser Zeit vorstellen, dass Köln am Ende des Krieges zu 90% zerstört sein sollte. 

Söhnchen Friedhlem wurde im Januar 1942 geboren und in der Dionysiuskirche getauft. 

In der Nacht vom 13. auf den 14. März brach dann das Unglück herein.  
Britische Bomber bombardierten Longerich.
Die Bewohner in der Dionysstraße waren beim Alarm in den Keller eines Hauses geflüchtet. Es hatte ihnen nichts genützt. Die Druckwelle der Bombe nahm allen anwesenden Personen das Leben: 22 Tote. 
Nur der Säugling war am Leben geblieben. 
Die Eltern hatten sich schützend über ihn geworfen. 


Die Kirche und die umliegenden Häuser wurden völlig zerstört oder stark beschädigt. 
Angesichts der Stärke des Bombenangriffs könnte man davon ausgehen, dass man den nicht weit entfernten Militärfughafen "Butzweiler Hof" treffen wollte. Es war ein Vorgeschmack auf die bevorstehenden Ausmaße 
der Bombardierung auf Köln, 

der "Operation Millennium"

Das war der Deckname bei dem die Royal Air Force (RAF) erstmals über 1000 Bomber gleichzeitig einsetzte, weshalb er auch als  „1000-Bomber-Angriff“ bekannt ist.

hierzu schreibt Wikipedia: 
Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das britische Luftfahrtministerium hatte am 14. Februar 1942 die Area Bombing Directive („Anweisung zum Flächenbombardement) herausgegeben. In dieser Anweisung wurde dem neuen Oberkommandierenden des Bomber Command der Royal Air Force (RAF), SirArthur Harris, mitgeteilt, er könne seine Streitkräfte ab sofort ohne jede Beschränkung einsetzen. Die Einsätze seien auf die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung zu konzentrieren – insbesondere auf die der Industriearbeiter.
  • Der RAF-Stabschef Luftmarschall Sir Charles Portal schrieb am 15. Februar: „Ich nehme an, dass klar ist, dass die Ziele bebaute Gebiete und nicht z. B. Schiffswerften oder Flugzeugwerke laut Anhang A sein werden. Dies muss jedem klargemacht werden, falls es noch nicht so verstanden worden ist.“
  • Die Umsetzung begann mit dem Nachtangriff auf Essen am 8. und 9. März 1942 sowie weiteren Luftangriffen auf das Ruhrgebiet.
  • Dieser Strategie der Flächenbombardierung lag die Annahme der sogenannten Trenchard-Doktrin zugrunde, das Bombardieren von Wohngebieten – anstelle militärischer Anlagen – würde den Kampfwillen der Zivilbevölkerung schwächen. Diese beruhte auf Vorstellungen über den strategischen Luftkrieg aus dem Ersten Weltkrieg. Man hoffte, Aufstände oder Revolution gegen das Regierungssystem in einem gegnerischen Staat auszulösen und aus der Destabilisierung des Gegners einen kriegswichtigen Vorteil ziehen zu können. Dies erwies sich jedoch als Trugschluss und führte eher zum Gegenteil, nämlich einer Solidarisierung der Bevölkerung mit seinem Regierungssystem gegenüber dem Angreifer.

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Am vergangen Sonntag, den 12. März, fand in der Pfarrkirche St. Dionysius ein Gedenkgottesdienst statt. Mein Cousin, seine Tochter und ich waren dabei. Als die Namen der Verstorbenen vorgelesen waren wir alle sehr berührt.  Der Pfarrer begrüßte vor dem Schlusssegen meinen Cousin namentlich und stellte ihn kurz vor - ein sehr emotionaler Moment, nicht nur für ihn. Anschließeng lud der Pfarrer alle Interessierten zu einer kleinen Ausstellung zum Thema "Bombenangriff vor 75 Jahren in Longerich" ein.

Die zusammengetragen sehr kleinen Fotos waren vergrößert worden und auf den Stellwänden präsentiert. Der Herr im grauen Sakko hatte sich viel Mühe mit der Ausstellung gemacht. 
Dabei bot sich die Gelegenheit ins Gespräch mit den Besuchern zu kommen.






Mein Finger auf dem Schuttfeld. 
Hier stand das Haus in dem sich die Bewohner und Anwohner im Keller in der Nacht von Samstag 13.3. auf Sonntag 14.3.1942  aufgehalten hatten und alle ums Leben kamen. 



Besonders zwei Fotografien habe ich mir lange betrachtet: 

die Männer auf dem Schuttfeld, die die Toten geborgen haben 
und das Kind gefunden haben
und
ein sehr sehr langer Leichenzug zum Friedhof.
Die Eltern meines Cousins sind allerdings in ihrem Heimatort beerdigt worden.




Ich bin mit der traurigen  Geschichte groß geworden, sehr oft habe ich die Geschehnisse und das Aufwachsen hier auf dem Land um meinen Cousin gehört.
Als junger Mensch kann man das Geschehene in´der großen Komplexibilität gar nicht so erfassen. Nach 75 Jahren dort  in der Kirche zu sein, löste auch bei mir starke expressive Gefühle aus. 
Ein Stück weit liegt es sicher auch daran, dass mein Sohn nun in Longerich lebt. 
Er ist dort Diakon und  in vier Kirchen eingesetzt. Die Dionysuskirche hat er in Sichtweite.





An der Kirche beginnt die Dionysstraße - damals wie heute. Hinter den drei Bäumen ist der Kindergarten, auf dem unteren Bild aus einer anderen Perspektive. 
Und genau hier stand das Haus in dem 22 Menschen den Tod fanden.  

So hat sich ein Kreis geschlossen. Schade, dass mein Mutter das nicht mehr erleben konnte. Sie ist 2015 verstorben und im gleichen Jahr ist mein Sohn nach Longerich gezogen. Ihr Neffe und ihr Enkel treffen sich am Ort des  furchtbaren Ereignisses. Aber ich bin der festen Überzeugung: Alles hat seine Bestimmung und es gibt keine Zufälle.



Kommentare:

  1. Beeindruckend, diese grauenhafte Episode in unserer Geschichte einmal wieder in persönlichen Erlebnissen widergespiegelt zu finden. Gut, dass du es hier erzählst.
    Für mich & meinen Mann, Überlebender der Geschehnisse in der Danziger Bucht 1945, ist es nicht zu begreifen, dass inzwischen wieder so viele Menschen anfällig für Nationalismen werden und nicht kapieren, dass es die EU ist, die uns nunmehr 72 Jahre ein Leben in Frieden beschert hat. Und der ist das Wichtigste, mehr als Gut & Geld, finde ich.
    In diesem Sinne!
    Herzlichst
    Astrid

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  2. Das ist sehr bewegend liebe Marita. Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt...
    Liebe Grüße Sabine

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  3. Danke für diesen Eintrag.

    Herzlichst
    Elena

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  4. Mütter liegen Stunden in den Wehen und Männer führen Kriege - für mich unfassbar, zumal meine beiden Elternteile den Krieg mit all seinem Entsetzen erleben mussten!

    Mein Wunsch nach mehr Frieden in den Herzen wird im Moment immer mehr ignoriert habe ich den Eindruck!

    Ganz herzliche Grüße
    Uschi

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  5. Liebe Marita,
    ein sehr berührender Post.Kriege waren und sind etwas furchtbares,beten wir für den Frieden.
    Liebe Grüße
    Pippi

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  6. Hallo Marita,
    das müssen schreckliche Zeiten gewesen sein, das kann man sich gar nicht vorstellen...
    VG
    Elke

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